The Colour beneath my soul ~ WHITE

 
 
Ich schließe die Augen und versuche mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass selbst der Heiratsantrag – einer der romantischsten Momente im Leben einer Frau – von meiner Mutter initiiert und geplant worden ist.
Aber ich bin eine Carpenter.
Das ist mein Leben.
Und es wird auch immer mein Leben sein.
Funktionieren, lächeln und nach außen das Glück ausstrahlen, privilegiert zu sein.

 

Kristen fliegt nach New York um dort einen Antrag von Lloyd Lawson anzunehmen, mit dem sie auf Wunsch ihrer Mutter den Rest ihres Lebens verbringen soll. Im Flugzeug begegnet sie jedoch einem Mann, der ihre Welt gehörig aus den Fugen bringt. Sie versucht, ihn zu vergessen und sich auf ihre Aufgabe in New York zu konzentrieren. Jedoch funktioniert das nur bedingt und als sie eben jenem Mann erneut begegnet, lassen sie die Zweifel und Gefühle, die er in ihr hervorruft, nicht mehr los ...

 
 
 
 

LESEPROBE

Ich schaue mich im Spiegel an. Haut, die Porzellan gleicht, volle rote Lippen und seidiges, dunkles Haar.
»Die Schönheit von Schneewittchen«, sagt meine Mutter, während sie ihren kritischen Blick über meinen Körper gleiten lässt. Ein Körper, der in einem Brautkleid steckt.
Ich habe meine Schultern nach hinten gestreckt, damit ich gerade stehe, und fühle mich durch die unangenehme Pose wie eine Schaufensterpuppe, die alle wegen ihrer Schönheit beneiden, mit der aber niemand würde tauschen wollen. Niemand will hinter einer Glasscheibe stehen und von der Welt angestarrt werden. Trotzdem entgehen mir die neidischen Blicke der anderen nicht.
»Das ist es«, stellt meine Mutter fest, ehe sie sich den Rock ihres Chanel-Kostüms glatt streicht und sich mit einem letzten aufgesetzten Lächeln in meine Richtung abwendet.
Meine Mutter hat soeben ein Brautkleid gekauft. Ein Kleid für mich. Wohlgemerkt hat sie mich bei keinem einzigen Kleid nach meiner Meinung gefragt. Sie bestimmte, welche Kleider ich anprobierte und richtete über den Stoff, wenn er an meinem Leib hing. Dies ist mein Leben lang so gewesen und wird sich nie ändern.
Eine Carpenter hat keine eigene Meinung. Eine Carpenter existiert, um den Familiennamen zu repräsentieren und eine Trophäe für den auserwählten Mann zu sein.
»Das Kleid ist wunderschön«, sagt Tracey, die persönliche Assistentin meiner Mutter, zu mir, als ihre Chefin außer Hörweite verschwunden ist. Sie schenkt mir ein aufrichtiges Lächeln, das ich sogleich erwidere. Wahrscheinlich kostet das Kleid genauso viel, wie Tracey in zwei Monaten verdient.
»Danke«, erwidere ich und bin dankbar, als die Beraterin, die uns die letzten zwei Stunden in der Boutique betreut hat, damit beginnt, das Korsett in meinem Rücken zu lösen. Sobald sie die ersten Ösen geöffnet hat, spüre ich die Luft in meine Lungen zurückkehren. Ich kann endlich wieder atmen. Mein Blick wandert erneut zu meinem Spiegelbild und ich bleibe an meinem Gesicht hängen.
Wie oft in meinem Leben habe ich es verflucht und mir gewünscht, dass ich hässlich wäre. Hässlich, unattraktiv und damit wertlos für meine Familie. Mit einem Messer in der Hand stand ich so oft in meinem Badezimmer und sehnte den Mut herbei, mir die Last zu nehmen. Jedes Mal rollte ich mich am Ende schluchzend auf dem weichen Teppich unter meinen Füßen zusammen, und verweilte dort, bis die Tränen von alleine versiegten. An meinem 16. Geburtstag begriff ich, dass ich mich mit meinem Schicksal arrangieren muss. Ich begann, meine Mutter zu beobachten und zu imitieren. Ich setzte mir, wann immer gefordert, ein Lächeln ins Gesicht und tat alle die Dinge, die von mir erwartet wurden. Einschließlich einen Mann zu heiraten, der mich als genau das betrachten wird, was ich für ihn bin – ein hübsches Accessoire. Mein Vater braucht aber die Verbindung zu den Lawsons, somit habe ich keine andere Wahl, als Gehorsam zu leisten und den Mann zu heiraten, den meine Eltern als wertvollste Alternative ansehen.
Eine Carpenter ist ein Wertgegenstand, der nützlich eingesetzt wird, schießen mir die unermüdlichen Worte meiner Mutter in den Kopf.
»Miss Carpenter? Es ist Lloyd.« Traceys Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich blicke auf mein Handy, das sie in der Hand hält und mir reicht. Ich sehe Lloyds Namen auf dem Display.
Ich nehme ihr das Handy ab und das Gespräch an, während die Beraterin der Boutique mir andeutet, von dem Podest zu steigen.
»Lloyd«, sage ich schlicht.
»Hey Babe. Bist du schon am Flughafen?« Wie ich es hasse, wenn er mich ›Babe‹ nennt. Es führt mir jedes Mal vor Augen, dass ich für ihn nichts weiter als eine von vielen bin.
»Nein. Ich hatte noch etwas zu erledigen.« Ich hebe die Ellbogen, sodass die Beraterin das Korsett von meiner Brust nehmen kann.
»Alles klar. Ich wollte nur mal durchrufen. Wir sehen uns nachher. Bye Babe.«
Bevor ich etwas antworten kann, hat Lloyd aufgelegt. Er wollte nur mal durchrufen? Er hat seine Pflicht getan. Ich interessiere ihn nicht die Bohne. Seine Mutter hat ihn wahrscheinlich dazu angehalten, mich anzurufen, um mir das Gefühl zu geben, dass ich doch mehr bin, als es den Anschein hat.
Tracey wendet sich mir wieder zu und nimmt mir das Handy aus der Hand. »Ihr Fahrer ist da, Miss Carpenter«, sagt sie.
»Danke«, erwidere ich und befreie mich von dem Reifrock. »Ich bin in fünf Minuten fertig.«
Tracey nickt mir zu. »Ihre Mutter lässt ausrichten, dass sie veranlasst hat, das Kleid nach New York zu schicken, damit es vor Ort umgenäht werden kann.«
»Warum nicht hier?«, frage ich, obwohl ich mir die Antwort denken kann.
»Sie meinte, dass Sie noch zwei Kilo verlieren, bevor Sie das Kleid tragen werden.«
Ich blicke an mir hinunter und frage mich, wo ich noch zwei Kilo verlieren soll. Dr. Brandon, unser Hausarzt, hat mir bereits unter vier Augen gesagt, dass ich zu dünn bin.
»Ihre Mutter ist schon weg. Sie hat gesagt, dass ich sicherstellen soll, dass Sie pünktlich zum Flughafen gebracht werden.«
Ich erwidere diesmal nichts. Meine Mutter hat es nicht einmal für nötig gehalten, sich persönlich von mir zu verabschieden. Früher hätte ich die eine oder andere Träne darüber vergossen. Heute ertrage ich es wie eine erwachsene Frau und ignoriere alle Gefühle in mir. Wer nicht fühlt, kann nicht verletzt werden, ist mein Motto, das mich die letzten Jahre am Leben gehalten hat.

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